Tod im Auetal
Michael Romahn
 

Leseprobe

Kapitel 1

Mittwoch, 18. Oktober

Als der Zug in den Stader Bahnhof einfuhr, überkam Dennis
Höfer ein eigenartiges Gefühl. Er war wieder zu Hause,
doch es fühlte sich an, als wären die vernarbten Wunden
der Vergangenheit wieder aufgerissen. Dabei hatte er sich
diesen Tag so sehr herbeigesehnt.

Keine Sekunde hatte er daran gezweifelt, dass er zurückkommen
würde, hatte niemanden vergessen, weder ihre
Namen noch ihre Gesichter. Er war nicht gekommen, um
zu töten. Nein, das war zu keinem Zeitpunkt seine Absicht
gewesen. Doch sie sollten leiden, sich gegenseitig zerfleischen
und den Tag verfluchen, an dem sie geboren wurden.
Allein der Gedanke, dass sich dieses verdammte Pack bald
vor lauter Angst in die Hose pinkeln würde, entlockte ihm ein
Grinsen.

Kurz hatte er darüber nachgedacht, ob er nicht den letzten
Zug kurz nach Mitternacht nehmen sollte. Im Schutz der
Dunkelheit wäre er auf Nummer sicher gegangen. Doch er
verwarf den Gedanken so schnell, wie er gekommen war. Er
war sich ziemlich sicher, dass niemand mit seiner Rückkehr
rechnen, dass ihn niemand mehr erkennen würde. Diejenigen,
die damals dabei waren, hatten ihn mit Sicherheit aus
ihrem Gedächtnis gelöscht. Wie sehr er sie doch verachtete.
Höfer schob das Fenster nach unten und lauschte dem metallischen
Quietschen der Räder, als der Zug bremste. Augenblicke
später strömten die Menschen aus den Waggons, liefen
links und rechts an ihm vorbei, als gäbe es ihn nicht. Als
einer der letzten stieg Dennis Höfer aus dem Zug. Er stand
da wie ein Fels in der Brandung, breitschultrig, einen Kopf
größer als die meisten anderen. Er bewegte sich nicht von
der Stelle, zündete eine Zigarette an und blies den Rauch in
die feuchte Abendluft.

Dunkle Wolken zogen über die Stadt, doch der Regen blieb
aus. Er zog trotzdem die Kapuze seines Shirts über den Kopf.
Je weniger er von sich preisgab, desto wohler fühlte er sich.
Als er so dastand, sah er aus wie ein Boxer, der gleich durch
die tosende Menge zum Ring geführt würde. Sein Puls schlug
schneller, und er spürte, wie sich seine Muskeln anspannten.
Zehn Jahre war er fort gewesen, unschuldig eingesperrt.
Wie oft hatte er vor dem Spiegel über dem Waschbecken
gestanden und sich gefragt, wie er das Unglück hätte verhindern
können. Wie oft hatte er sich in seiner kargen Zelle
diese eine Frage gestellt und nie eine Antwort darauf gefunden.
Doch dafür war es jetzt ohnehin zu spät.

Seit fünf Uhr morgens war er auf den Beinen und hatte, bis
auf das letzte Frühstück in seiner Zelle, nichts mehr gegessen.
Er nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette und sah sich
um, als würde er nach jemandem Ausschau halten. Er ließ
seinen Blick in die Ferne schweifen, an den Leuten vorbei
hinüber zur Straße, die über eine Brücke in die Innenstadt
führte. Als er eine Frauenstimme hörte, die ihm scheinbar
etwas zurief, hielt er den Atem an. Doch die blonde Frau
lief lachend vorbei, direkt in die Arme eines Mannes, der
nur ein paar Schritte von Höfer entfernt stand. „Glückspilz!“,
dachte Höfer, als sich die beiden in den Armen lagen und
küssten. Und im nächsten Moment brachen die Erinnerungen
an Susanne wieder durch.

Sie waren einmal genauso glücklich gewesen wie jetzt die
beiden neben ihm. Der einzige Vorteil im Knast war, dass
er dort nicht ständig verliebten Paaren über den Weg lief,
die ihn an Susanne erinnerten. Er schnippte die Zigarette
von sich weg und wartete, bis der Zug sich wieder in
Bewegung setzte. Dann ging er ein paar Schritte an den
Gleisen entlang, bevor er den Busparkplatz und die Straße
überquerte, die am Burggraben entlang führte.

Die Schuldigen von damals hatte er nie vergessen. Er war
gekommen, um ihnen Angst zu machen, wollte ihnen zeigen,
dass auch er noch am Leben war. Die letzten Jahre hatten ihn
grundlegend verändert. Es war die Hölle gewesen. Er hatte
die Tage gezählt, die Wochen und Monate, und schließlich
die Jahre. Die erzwungene Enge, das beklemmende
Gefühl, eingesperrt zu sein, und die quälende Erinnerung an
Susanne, all das hatte aus ihm einen zynischen Einzelgänger
gemacht.

Natürlich hatten sie sich auch gestritten, aber sie hätten es
gemeinsam geschafft, da wieder herauszukommen. Aber
nun gab es nichts mehr, an das er sich noch klammern
konnte. Außer seinem Zellennachbarn Nico hatte es niemanden
gegeben, mit dem er hätte reden können. Er würde die
unzähligen Nächte nie vergessen, in denen er wach in seiner
engen Zelle gelegen und an die Decke gestarrt hatte. Seit
jener verhängnisvollen Nacht war kein Tag vergangen, an
dem er nicht an Susanne denken musste.
Höfer sah über die Köpfe hinweg zur Brücke. Sie führte in
die Innenstadt. Bald würden sie wissen, dass er zurückgekehrt
war. Sie sollten sich fürchten, zittern vor Angst.

Er bog nach rechts ab, betrat die Brücke über dem Burggraben
und schaute über das Wasser an den Weiden vorbei in
die Ferne. Ein kühler Wind strich ihm übers Gesicht. Er riss
sich von dem Anblick los und setzte seinen Weg fort. Mit
jedem Schritt, der ihn näher an sein Ziel brachte, wuchs die
Anspannung. Wie würden sie reagieren, wenn sie ihm nach
so langer Zeit gegenüberstehen würden?

In seiner Hand hielt er ein Foto. Es zeigte Susanne in ihrer
feuerroten Regenjacke. Sie hatte die Kapuze so weit über
den Kopf gezogen, dass ihre Augen im Schatten lagen und
nur ein paar feuchte Haarsträhnen an den Seiten herabhingen.
Sie stand an der Reling der „Maid of the Mist“ und
strahlte übers ganze Gesicht. Es war ihre Hochzeitsreise zu
den Niagarafällen gewesen, auf der sie geschworen hatten,
sich ein Leben lang zu lieben. Damals waren sie die
glücklichsten Menschen auf der Welt. Er beschleunigte seine
Schritte. Er lief weiter, an den Geschäften und Lokalen der
Fußgängerzone vorbei, den Blick starr nach vorn gerichtet,
immer weiter seinem Ziel entgegen. Susannes Grab war der
Ort, an dem er jetzt sein wollte. Alles andere war zweitrangig,
war ihm in diesem Moment scheißegal.

****
Als Dennis Höfer den Friedhof erreichte, spürte er, wie seine
Stimmung kippte. Sein Herz schlug schneller. Er konnte den
Hass, der in ihm wütete, nicht verdrängen.
Höfer ging durch den Eingang auf die Kapelle zu. Auf
beiden Seiten säumten riesige Trauerweiden den Weg. Die
Stille, die diesen Ort umgab, beruhigte ihn keineswegs. Im
Gegenteil. Sie ließ den Zorn wieder in ihm aufflammen. Er
hasste Friedhöfe, hasste diese akkurat angelegten Kieswege,
die kerzengeraden Koniferen und das Gefühl von Vergänglichkeit.
Obwohl die Wolkendecke allmählich aufriss, drang
die Sonne kaum durch die dichten Zweige der Eiche, in
deren Schatten sich Susannes Grab befand. Nur vereinzelte
Strahlen fanden den Weg bis zum Boden.

Bei Nicos Haftentlassung hatte Höfer noch ein halbes Jahr
vor sich. Er hatte Nico gebeten, nach dem Grab seiner Frau
zu schauen und anscheinend hatte Nico Wort gehalten. Die
Erde war erst vor kurzem geharkt. Er kniete vor dem schlichten
Holzkreuz nieder.

Seine Gedanken kreisten um Susanne, unaufhörlich in all
den Jahren. Er dachte an ihr offenes Lachen, ihre lebensfrohe
Art, die ihn immer wieder aufgebaut hatte, wenn es ihm dreckig
gegangen war. Die letzten Tage, die er mit Susanne
verbracht hatte, drangen so klar in sein Bewusstsein, dass er
an nichts anderes mehr denken konnte.

Seine Hände in den Hosentaschen ballten sich zu Fäusten.
Sie hatten ihm seine Frau genommen und damit auch einen
Teil von ihm getötet. Nein, er war noch nicht bereit zu vergessen.
Noch nicht!

Viel zu klar waren die Gesichter, die ihn ins Gefängnis
brachten. Er sah sie vor sich, als wäre es gestern gewesen,
die Gesichter von Marion Wolff und seinem damaligen
Anwalt Axel Steinberger. Er hörte wieder ihre verlogenen
Stimmen. Sie waren es, die ihn hinter Gitter gebracht hatten.
Was hätte diese Frau schon sehen können? Zwei Schatten,
die sich hinter einem Vorhang bewegt hatten, zwei Schatten,
die aneinander geraten waren, ein harmloser Streit, wie
er in jeder Ehe mal vorkommt, mehr nicht. Doch sie hatte
geschworen, dass er sie geschlagen habe, dabei hatte er
Susanne über alles auf dieser Welt geliebt.

Er versuchte sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, was
damals geschehen war. Doch das gelang ihm genauso
wenig wie die unzähligen Male zuvor. Die Mosaiksteinchen,
die in seinem Kopf herum schwirrten, ließen sich nicht zusammenfügen.
Es tat immer noch verdammt weh. Die Zeit, in der
sie ihn weggesperrt hatten, hatte nichts daran geändert. Das
Unrecht konnte niemand mehr rückgängig machen, auch
nicht den Schmerz und die Tränen, die er in den schlaflosen
Nächten vergossen hatte.

Er strich mit der flachen Hand über die Erde, zupfte ein
paar Grashalme aus, bis er sich schließlich erhob und dem
Grab seiner Frau den Rücken zuwandte.
Er ging zwei, drei Schritte über den knirschenden Kies,
dann drehte er sich noch einmal um.
„Ich werde herausfinden, wer dir das angetan hat“, flüsterte
er. „Auch wenn es das Letzte ist, was ich in meinem
beschissenen Leben machen werde!“

Er wusste genau, was er tat. Was hatte er schon zu verlieren?
Er hatte doch bereits alles verloren. Was er noch besaß,
trug er bei sich; ein paar Habseligkeiten in einem Plastikbeutel,
mehr nicht. Er wischte die letzten Zweifel an seinem
Vorhaben beiseite und ging zielstrebig zurück zur Innenstadt.
Er hatte sie sich auf dem Hinweg gemerkt, die Telefonzelle
am Anfang der Fußgängerzone. Als er sie betrat, huschte
ein kaltes Lächeln über sein Gesicht. Er brauchte nicht lange,
bis er die Nummer vom Reisebüro fand. Er griff zum Hörer,
wählte und wartete. Nach dem zweiten Klingeln vernahm er
die angenehm weiche Stimme einer Frau.

„Reisebüro Wolff, Franziska Seidel, guten Tag.“
„Hallo, hier ist Höfer. Ich hätte gern Marion Wolff gesprochen.“
„Oh, das tut mir leid. Frau Wolff kommt erst heute Nachmittag
ins Büro. Kann ich etwas ausrichten?“
„Das können Sie“, sagte er. „Richten Sie ihr bitte aus, dass
ich angerufen habe!“
„Ja, ich werde es ihr sagen, Herr… wie war noch mal Ihr
Name?“
„Höfer, Dennis Höfer. Sie wird sich an mich erinnern.“
Dann legte er auf. Das Spiel konnte beginnen.

 

 

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